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Kunst der Erinnerung

Gereon Ingers Raritäten im Palais Walderdorff, Trier

Trierer Zeitung, 24. 3. 1997
Eva-Maria Reuther



Ein Raritätenkabinett seiner Erinnerung hat Gereon Inger im Trierer Palais Walderdorff aufgebaut. Mit seinen Objekten und Installationen schreibt der Künstler seine eigene seelische historia mundi, die Weltgeschichte der eigenen Befindlichkeit und Wahrnehmung. Da gibt es seltsam faszinierende Dinge zu sehen: winzige Reliquien-Nachbildungen, Laterna-Magica-Effekte oder Gläser durch deren Lupen man statt auf den benachbarten Dom in ein antiquiertes Frauenantlitz sieht.

Die Herkunft aus Buchmalerei und katholisch rheinischem Elternhaus hat der Künstler, der in Bielefeld lebt und arbeitet, gar in einer zum Schrein avancierten Vitrine aufgearbeitet. Mit seiner inszenierten Rückbesinnung, steht der ehemalige Student der Düsseldorfer Kunstakademie ganz in der Tradition seiner heimischen Schule hat doch kein anderer so wie der Düsseldorfer Joseph Beuys die Kunst der Erinnerung verstanden. Und gewiß ist es kein Zufall, daß Inger sich ausgerechnet zu der Zeit kritisch mit dem Thema „Reliquie" auseinandersetzt, in der das Kölner Schnütgen-Museum eine Ausstellung „Joseph Beuys und das Mittelalter" zeigt. Natürlich war es auch die Bischofsstadt Trier mit ihrer „Heilig-Rock-Tradition", die Inger erneut verdeutlichte, daß Reliquie Erinnerung und jede Erinnerung auch Reliquie ist. Gereon Ingers Erinnerungswelt ist detailversessen, ein Kosmos von minutiösen kulturellen Querverweisen, fast so wie T. S. Eliots Epos „Das wüste Land". Einen anderen Iren hat sich Gereon Inger in der Tat zum Zeugen bestellt für sein verstricktes, rational kaum faßbares Welt und Seelenbild: James Joyce und sein Traumstück „Finnegans Wake".

Von „Herzkammern" spricht der Künstler, der inzwischen seine Kunst von Moskau bis New York präsentiert hat, angesichts der vier Raumeinheiten, die er in Trier inszeniert hat, in denen der Besucher neben reiner Betrachtung auch selbsttätig Bilder stempeln oder Verkaufs-Preise würfeln kann. Durch die Kammern sollen die Interessenten wie Blut ein- und mit neuen Eindrücken erfüllt, ausströmen, erklärt der Künstler das etwas pathetische Bild.

Der Lebenssaft „Publikum" ist Gereon Inger auch selbst existentiell notwendig. „Ich. will verstanden werden" , erklärt der gelernte Philosoph mit dem rheinischen Tonfall und dem spröden Gebaren. Daß Kunstwerke sich selbst erklären, glaubt Inger nicht. Weshalb er sie denn auch gerne - ausgerüstet mit einer Laterne - als seelischer Höhlenführer in eigener Sache bestätigt. Man wird sich in Ingers Installationen möglicherweise verlaufen, trotz des gelegentlich etwas zu intensiven didaktischen Eifers. Das ist indes nicht wesentlich. Man kommt dennoch auf seine Kosten auf dieser hinreißenden Spielwiese, die sich jedem auftut, der sich und der Kunst Freude am Spiel zugesteht.